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Wings for life world run – ein unvergessliches Erlebnis

Drei Tage danach ist dieser Husarenritt von München immer noch etwas surreal. Ich weiß wirklich überhaupt nicht, wie ich ohne eine spezifische Vorbereitung, eine Woche nach dem London Marathon, knapp 63km laufen konnte. Vier Tage vor dem Wolrd Run musste ich die Treppen noch rückwärts runter gehen, da meine Muskeln noch ziemlich müde und schmerzhaft von den 42,195km in England waren. Es sollte ursprünglich ein entspanntes Familienwochenende in München werden. Zufällig habe ich entdeckt, dass an dem Wochenende auch der „Wings for life world run“ ist, den ich schon länger verfolgt habe und schon bei den großen Erfolgen von Florian Neuschwander und Andreas Straßner im letzten Jahr mit gefiebert habe. Also habe ich mich ohne irgendeine Erwartung angemeldet und wollte ein Teil dieser genialen Veranstaltung für einen guten Zweck sein.
Am Samstag beim Dauerlauf merkte ich schon, dass ich wieder einigermaßen vernünftige Beine und Bock aufs Laufen hatte. Das ist bei mir immer ein extrem gutes Zeichen, wenn ich einen Tag vor einem Wettkampf mit den Hufen scharre und mich auf den Lauf richtig freue. An der Startlinie habe ich dann direkt den warm eingepackten Florian Neuschwander getroffen, mit dem ich davor schon über das Anfangstempo geschrieben haben, das auf 3:45min/km festgelegt wurde. Ich wollte zumindest 40km mit ihm laufen und dann mal schauen was passiert und mich würdig aus dem rennen verabschieden.

Nach dem wir losliefen (ich mit Split Shorts und kurzem Oberteil) fing es an zu schneien und ich habe etwas an meiner Kleidungsauswahl gezweifelt. Um der Kälte aus dem Weg zu gehen, versuchte ich mich immer wieder in einer zehnköpfigen Gruppe hinten zu verstecken und auch Kräfte zu sparen. Zwei Läufer in blauen Trikots liefen vorne weg und hatten schon früh ca. 200-300m Vorsprung. Da ich aber eh keine Ambition hatte, in dem Rennen eine größere Rolle zu spielen, war es mir auch ziemlich egal und ich versuchte nur einen gleichmäßigen Rhythmus aufzunehmen. Die Halbmarathonmarke passierten wir in 1:16h und ich war überrascht, dass sich das Tempo eher wie ein entspannter Sonntagsläufchen anfühlte und die Beine waren zwar von dem Marathon immer noch nicht super locker, aber es fühlte sich völlig in Ordnung an. Richtig warm wurde mir dann bei Km 26. Kurz nach einer Verpflegungsstation, als ich mich mit meinem Gel an das Ende der ziemlich weit auseinander gezogenen Gruppe setzte. Plötzlich und unerwartet attackierte Flo aus der Gruppe heraus. Aus dem nichts war es auf einmal eine ganz andere Rennsituation. Es wurde innerhalb von wenigen Sekunden von einem relativ entspannten Sonntagsausflug zu einem richtigen Rennen! Nur ein Läufer blieb an Flo dran und ich war schon etwas abgeschlagen in der größeren Gruppe mit ca. 50m Rückstand. Trotzdem versuchte ich ruhig zu bleiben und mit einem gleichmäßig hohem Tempo wieder an die Ausreißer ran zu laufen. Nach einem flotten Kilometer unter 3:25min konnte ich wieder den Abstand reduzieren und kam schließlich wieder an die zwei Ausreißer dran. Die Gruppe war jetzt völlig auseinander gefallen und ich fühlte mich auch im 3:30er Tempo richtig wohl, sodass ich mich direkt an die Spitze setzte und das Tempo hoch hielt. Nach 500m drehte ich mich um und war etwas überrascht, dass niemand folgen konnte und überlegte kurz, ob es überhaupt Sinn macht schon vor km 30 allen wegzulaufen. Angestachelt von applaudierenden Zuschauern, den etlichen Führungsfahrzeuge und dem Kamerateam, vergaß ich schnell diese skeptischen Gedankengänge. Jetzt wusste ich, dass es mein Tag werden konnte!

Ab Kilometer 35 war es ziemlich flach, nur der aus nordwestlicher Richtung kommende Gegenwind machte mir etwas zu schaffen. Dann wurde es immer hügeliger und ich war mir stets bewusst, dass ich als Münsteraner sehr wenige Höhenmeter in den Beinen hatte und konnte gar nicht einschätzen, wie mein Körper auf die ungewohnte Belastung reagieren würde. Aber auch nach den ersten Hügeln mit steilen Anstiegen fühlte ich mich locker und hatte fast immer ein Lächeln im Gesicht, weil ich völlig positiv von mir und der Rennsituation war. Die Kilometer vergingen ziemlich schnell und bei der Marathon Distanz stoppte ich eine 2:33h. Völlig verrückt, wenn man überlegt, dass ich eine Woche zuvor beim London Marathon nur vier Minuten schneller war und mich völlig entkräftet ins Ziel schleppte.
Ab Kilometer 50 verschwand dann allerdings die Lockerheit und ich bekam aus dem nichts Wadenkrämpfe. Weiterlaufen konnte ich nur noch unter Schmerzen und blieb stehen. Einige Zuschauer und die Leute aus den Begleitungsfahrzeugen staunten nicht schlecht, dass ich als zu diesem Zeitpunkt „Weltführender“ einfach nicht mehr weiterlaufen konnte. Manchmal hat es große Vorteile, wenn man selbst Ahnung von der Physiologie des Körpers hat und als Physiotherapeut genau zu wissen, was in einer solchen Situation zu tun ist. Also behandelte ich mich ca. 20 Sekunden selbst und konnte zum Glück ohne weitere Krämpfe weiterlaufen. Bis Kilometer 58 lief es dann wieder ganz gut und ich konnte immer noch ganz gut das Tempo halten. Ich wartete danach nur noch sehnsüchtig auf das „Catcher Car“. Ich war mittlerweile ziemlich erschöpft und die letzten Kilomter waren nur noch eine Qual. Ich habe jeden Schritt daran gedacht einfach stehen zu bleiben, aber ich wollte die ganzen Leute, die sich mittlerweile um mich versammelt haben und mich anfeuerten, auch nicht enttäuschen. Das Führungsfahrzeug hielt mir das erste mal eine Zahl hin: 15! Nur noch 15 sind weltweit im Rennen! Ich konnte es gar nicht glauben, dass ich es in die Top 15 geschafft hatte. Das gab mir noch einmal zusätzliche Motivation und ein bisschen Power in die Beine! Nach Km 60 sah ich dann die 10 auf dem Board! Wow! Unter Schmerzen im gesamten Bewegungsapparat lief ich immer weiter und die Zahlen 8 -5 – 3 und schließlich die 2 fielen bis mich das Catcher Car schließlich bei Kilometer 62,68 einholte! Ich konnte es gar nicht fassen und war nur dankbar, dass ich stehen bleiben durfte. Schnell eilten alle mögliche Reporter und Leute aus dem Begleitungsfahrzeugen zu mir und feierten mit mir den Erfolg. Schnell kam auch Flo zum gratulieren herbei gebraust – ein echt super Sportsmann und unfassbar cooler Typ! Nach dem ich einige Interviews gegeben hatte und viele Fotos von mir und dem „Wing Mädel“ gemacht wurden, durfte ich dann auch in das Führungsfahrzeug einsteigen und wurde zur Siegerehrung, die am Olympiapark stattfand, zurück gefahren. Ein ganz schön langer Weg, wenn man knapp 63km weit aus der Stadt gerannt ist. Was ein atemberaubender Tag. Ich bin immer noch völlig geflasht!